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Städtische Fassaden

Warum hat die Stadt Frankfurt am Main die im Krieg zerstörten Bürgerhäuser am Römer wieder so aufgebaut, dass ihre Fachwerkfronten als bloße Fassaden vor modernen Häusern stehen?  Warum machen das Berlin und Potsdam mit ihren Schlössern? Und warum wird in Stuttgart das Wilhelmspalais erhalten, und zwar als eine Hülle um das im Innern ganz neu konstruierte Stadtmuseum?

Die Kraft der Bilder

Wer in dieser Diskussion argumentiert, dass solche Fassaden doch nur als zweidimensionale Bilder ohne zugehörigen Hintergrund bestehen, also ein „Fake“, ja, eine fast Lüge sind, der hat  die Kraft der Bilder und damit auch die menschliche Dimension dieser nur scheinbaren Oberflächlichkeit nicht verstanden. Und er ist es selbst, der an der Oberfläche des Problems hängen bleibt, denn er erkennt nicht, dass Bilder eine enorme Kraft haben können, die sich ihre eigene Tiefe schafft: Wir kennen das bei Bildern von Gebäuden, von Städten, von Landschaften. Und dass deshalb auch restaurierte, „bloße“ Fassaden etwas Wichtiges erreichen können: die Erkenntnis „ach, schau, so hat das hier mal ausgesehen“ als ästhetisches Erlebnis; die Freude, dass die unübersehbare Zahl gleichförmiger heutiger Fassaden durchbrochen wird; ein Lächeln der eigenen Erinnerung an frühere Zeiten und die befriedigende Möglichkeit, stilistische Kriterien zu erkennen.

Und so ist dies alles zusammen ein Blick in eine Vergangenheit, in der  möglicherweise bewusster als heute Stadtplanung betrieben worden ist – so dass der Betrachter dadurch die historische Bedeutung der Stadt erahnt und so spürt, dass sie überhaupt eine Vergangenheit hat. Dass von der heutigen Allerweltsarchitektur einer Stadt nicht auf ihre historische kulturelle Bedeutungslosigkeit geschlossen werden darf; dass da mehr ist.

Das können Fassaden, ja, manchmal sogar Fassadenteile, leisten. Deshalb war es zum Beispiel so tragisch, dass die Stadt Sindelfingen es nicht geschafft hat, dass von der alten Brauerei Schlanderer wenigstens ein Teil ihrer eindrucksvollen Fassade gerettet wurde. Wie dankbar wären da viele Sindelfingerinnen und Sindelfinger gewesen – die zwar nichts gegen einen Neubau hatten, die aber vom Totalverlust des alten, so vertrauten Gebäudes  tief verletzt wurden.

Schwierige Sanierung

Natürlich, dies ist zugegeben, wären der Erhalt oder die Sanierung eines ganzen historischen Gebäudes der bessere Weg.  Aber wir wissen, dass dies immer schwieriger wird: Es wird einerseits aus unterschiedlichen Gründen zunehmend  teurer, andererseits auch wegen erheblicher innerstädtischer Nutzungserweiterungen immer weniger durchsetzbar – Stichwort „Verdichtung“.

So können interessante Beispiele für in Neubauten eingefügte historische Teilstrukturen mögliche Kompromisse sein und ergeben oft wegen der Notwendigkeit, sich mit der Geschichte dieses Gebäudes zu beschäftigen und somit einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, besonders interessante Gesamtergebnisse.  Im besten Fall entstehen so neue Kunstwerke, die eine Stadt prägen können. (Fairerweise soll die hervorragende Lösung der „Sindelfinger Wohnstätten“ in der Hinteren Gasse 12 erwähnt werden: Mit einer geretteten Außenhaut, die das Fachwerkbild der Altstadt sehr gut ergänzt.)

Mutige Lösungen für Sindelfingen gesucht

Weitere solche Lösungen könnte gerade Sindelfingen brauchen. Dass die moderne Sindelfinger Architektur vor einigen Jahren euphemistisch „zurückhaltend und vorsichtig“  genannt worden ist, ist eine verschämte Begrifflichkeit dafür, dass in dieser Stadt nicht erkannt worden ist, welch enorme Bedeutung eindrucksvolle, kreative, stimmige Gebäude für das eigene Selbstbewusstsein und für eine breite überregionale Anerkennung gewinnen können. Vor allem, wenn dabei auch auf historische Formen oder Materialien zurückgegriffen wird. Dies ist zum Beispiel der 50.000-Einwohner-Stadt Ravensburg mit ihrem Humpis-Quartier und ihrem Kunstmuseum auf bemerkenswerte Weise gelungen – unter anderem mit den Architekten, die in Stuttgart den alten Hospitalhof und zur Zeit das Wilhelmspalais als Stadtmuseum restaurieren.

Viele Städte, die sich als zukunftsorientierte Industrie- und Kulturzentren verstehen, haben die Wichtigkeit gerade solcher Projekte längst entdeckt. Sindelfingen scheint sich einer solchen Debatte aber nicht zu stellen. Greifen wir dafür einige wenige Beispiele auf: Die Öffentlichkeit weiß nicht, wie die Stadt mit dem ehemaligen Volksbank- und dem Postareal weiter verfahren will, obwohl vor über anderthalb Jahren eine aufwendige Bürgerbeteiligung organisiert und abgeschlossen worden ist. Am Planiedreieck, dem Eingang vom Marktplatz in die Altstadt, genauer in den historischen Bereich „Burg“ hinein, sind kleine, provinzielle Gestaltungsansätze versucht worden – und gescheitert.

Die Ziegelstraße mit ihrem letzten Backsteinhaus würde sich für eine beginnende außergewöhnliche Gestaltung unter Einbeziehung des Baustoffs Ziegel anbieten; die eigenwillige Kapelle im parkähnlichen Alten Friedhof, der seinen Eingang direkt am Marktplatz hat, macht eine Erweiterung der danebengelegenen Galerie in diesen grünen Stadtraum hinein möglich – wenn dieses Gebäude von 1913 endlich restauriert werden würde.

Blick in die Zukunft

Erwähnt werden soll natürlich auch noch die Villa Lanz am Klostersee, das stadtbildprägende Vermächtnis einer stadtplanerischen Epoche, die die Stadt Sindelfingen in den letzten Jahrzehnten sträflich übersehen hat. Diese Villa bietet die einmalige Chance, als städtisches Symbol eines neuen Verständnisses für ein überregional wirkendes kulturelles Sindelfingen zu leuchten. Wäre nämlich das Bauwerk öffentlich, würden die Besucher im Angesicht der gut erhaltenen Jugendstilstrukturen über eine Architekturqualität staunen, die sie in der Stadt Sindelfingen nicht vermutet hätten, weil Sindelfinger Vergangenheit für sie nur die Fachwerkhäuser in der Altstadt darstellen – deren einst schöne innere Struktur aber nicht erfahrbar ist.

Wann endlich verliert der Beobachter das Gefühl, dass Sindelfingen wie gelähmt darauf starrt, was in anderen Städten technologisch und architektonisch passiert, obwohl sich hier der traditionsreichste Standort der Firma Daimler befindet – mit seinem neuen Kompetenzzentrum für Elektromobilität, aber auch dem zentralen Advanced Design Center? Das könnte doch der Ansporn sein, endlich städtebaulich und architektonisch der Verantwortung einer solchen engen Nachbarschaft gerecht zu werden und damit Schritt um Schritt eine Innenstadt zu gestalten, die von den Sindelfingern und den Besuchern voller Hochachtung als kreativ gestaltet, lebendig und eigenwillig gelobt wird.

 

– Klaus Philippscheck –