Die Bilder zeigen das Wohngebiet Allmendäcker 1 in Sindelfingen

 

Sindelfingen: Städtebau durch Copy und Paste

Kommentar zur Neubebauung Allmendäcker von Jimi Riegg

In den Allmendäckern in Sindelfingen entsteht gerade der zweite Teil des neuen Wohngebiets. In Deutschland fehlen Tausende von Wohnungen, die Mieten explodieren. Von daher ist es auch für Sindelfingen notwendig, neuen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Aber muss es dabei so lustlos und ideenlos zugehen wie in den Allmendäckern? Das Neubaugebiet gleicht einer Ansammlung von anonymen Wohnwaben, einer Monokultur von rechteckigen Straßen und baugleichen Häusern.

Jeder Straßenzug besteht aus der Kopie eines Bauplans, jedes Haus gleicht dem andern, dreimal, viermal, fünfmal nebeneinander gesetzt. Copy und Paste als Prinzip moderner, ökonomischer Stadtbauplanung, zugleich ein Offenbarungseid von Gestaltung und Ausweis größtmöglicher Ideenlosigkeit.

Soll das die Zukunft des Städtebaus in Sindelfingen sein?

Es mag ja teilweise ganz interessante Hausfassaden geben, teilweise auch Straßenzüge mit schönen Einfamilienhäusern. Doch insgesamt hat das Gebiet nichts, was einen lebhaften Stadtteil ausmacht: Unterschiedliche Häuser, krumme Straßen, verschiedene Kneipen, Läden zum Einkaufen, Plätze zum Verweilen. Nichts. Nada.

Schönheit entsteht durch Ähnlichkeit, nicht durch Gleichheit.

Dieses Prinzip ist tausendfach in der Natur zu beobachten. Die Blätter eines Baumes sind ähnlich, aber nicht gleich. Bäume sind ähnlich, aber nicht gleich. Und daher empfindet der Mensch einen Wald als natürlich schön, weil es dort viele verschiedene Bäume gibt, die zwar als solche zu erkennen sind, wo aber jeder einzelne seine individuellen Eigenheiten besitzt, sei es durch unterschiedliche Art oder durch unterschiedlichen Wuchs.

Und die Ästhetik-Forschung hat herausgefunden, das Menschen diejenigen Gesichter am Schönsten empfinden, die einen Mittelwert aus allen möglichen Gesichtern bilden, die sozusagen allen anderen am Ähnlichsten sind.

Genau diesem Prinzip der natürlichen Schönheit durch Ähnlichkeit sollte auch der Städtebau folgen. Absolute Gleichheit, wie es in den Allmendäckern der Fall ist, ist jedenfalls das Gegenteil von Schönheit, mögen einzelne Fassaden auch ansprechend sein.

Durch das exakte Kopieren verliert die einzelne Fassade an Individualität und löst sich in der gleichförmigen Langeweile des gesamten Straßenzugs auf. Das ist Plattenbau 2.0. Es gibt Untersuchungen, die belegen, das Menschen an eintönigen Fassaden schneller vorbeilaufen. Lebensqualität außerhalb der Wohnung, also innerhalb des Kiezes, ist so jedenfalls nicht zu erreichen.

Ich rege mich jedes Mal darüber auf, wenn man den Verschluss einer Verpackung nicht aufbekommt. Dann wünsche ich mir, dass derjenige, der das konstruiert hat, 10.000 seiner Verpackung öffnen muss, bis er blutige Finger hat und endlich kapiert, dass es so nicht funktioniert.

Genauso wünsche ich mir, dass diejenigen, die solche lieblosen, eintönigen Stadtteile bauen, bis ans Ende ihrer Tage selber darin wohnen müssen, bis sie merken, dass in so einem Vierteil auf Dauer kein glückliches Wohnen möglich ist.

Aber meist leben diese Planer dann am Prenzlauer Berg, im Stuttgarter Westen oder in Sindelfinger Höhenlage.

Wer nicht so rät, wie er selbst sein Leben führt, sollte das Beraten daher besser lassen. Es ist unglaubwürdig.

Um nicht missverstanden zu werden: Dass Sindelfingen neue Gebiete erschließt und Wohnungen baut, ist notwendig und sehr lobenswert. Doch Wohnungen und Wohngebiete sind nicht anonyme Waben, in der baugleiche Bienen wohnen (die es im Übrigen gar nicht gibt, siehe oben). Dort leben Menschen, für die nichts anregender und gesünder ist als Abwechslung.

Was um Himmels willen spricht dagegen, die Straßen krummer, die Häuser individueller, die Plätze interessanter zu machen sowie  Läden und Gastronomie anzusiedeln? Ein richtig cooles Kiez zu bauen, wo man nicht bloß schläft, sondern sich gerne auch draußen aufhält und daher mit den Menschen seiner Umgebung auch wirklich in Kontakt kommt?

Wo so was wie Seele, Heimat, Identität entsteht?

Gestaltung von Wohnraum ist mehr als nur das Kopieren von Architekturplänen. Politik ist Gestalten – und dieser Wille zum Gestalten fehlt in Sindelfingen noch immer. Verwalten alleine reicht nicht. Politiker dieser Stadt: Gestaltet endlich!

Der Kommentar wurde durch die Kolumne „Anders wohnen“ von Sybille Berg auf Spiegel Online angeregt:

Anders wohnen von Sybille Berg

— Jimi Riegg —

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Die Bilder zeigen das Wohngebiet Allmendäcker 1 in Sindelfingen

 

Sindelfingen: Städtebau durch Copy und Paste

Kommentar zur Neubebauung Allmendäcker von Jimi Riegg

In den Allmendäckern in Sindelfingen entsteht gerade der zweite Teil des neuen Wohngebiets. In Deutschland fehlen Tausende von Wohnungen, die Mieten explodieren. Von daher ist es auch für Sindelfingen notwendig, neuen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Aber muss es dabei so lustlos und ideenlos zugehen wie in den Allmendäckern? Das Neubaugebiet gleicht einer Ansammlung von anonymen Wohnwaben, einer Monokultur von rechteckigen Straßen und baugleichen Häusern.

Jeder Straßenzug besteht aus der Kopie eines Bauplans, jedes Haus gleicht dem andern, dreimal, viermal, fünfmal nebeneinander gesetzt. Copy und Paste als Prinzip moderner, ökonomischer Stadtbauplanung, zugleich ein Offenbarungseid von Gestaltung und Ausweis größtmöglicher Ideenlosigkeit.

Soll das die Zukunft des Städtebaus in Sindelfingen sein?

Es mag ja teilweise ganz interessante Hausfassaden geben, teilweise auch Straßenzüge mit schönen Einfamilienhäusern. Doch insgesamt hat das Gebiet nichts, was einen lebhaften Stadtteil ausmacht: Unterschiedliche Häuser, krumme Straßen, verschiedene Kneipen, Läden zum Einkaufen, Plätze zum Verweilen. Nichts. Nada.

Schönheit entsteht durch Ähnlichkeit, nicht durch Gleichheit.

Dieses Prinzip ist tausendfach in der Natur zu beobachten. Die Blätter eines Baumes sind ähnlich, aber nicht gleich. Bäume sind ähnlich, aber nicht gleich. Und daher empfindet der Mensch einen Wald als natürlich schön, weil es dort viele verschiedene Bäume gibt, die zwar als solche zu erkennen sind, wo aber jeder einzelne seine individuellen Eigenheiten besitzt, sei es durch unterschiedliche Art oder durch unterschiedlichen Wuchs.

Und die Ästhetik-Forschung hat herausgefunden, das Menschen diejenigen Gesichter am Schönsten empfinden, die einen Mittelwert aus allen möglichen Gesichtern bilden, die sozusagen allen anderen am Ähnlichsten sind.

Genau diesem Prinzip der natürlichen Schönheit durch Ähnlichkeit sollte auch der Städtebau folgen. Absolute Gleichheit, wie es in den Allmendäckern der Fall ist, ist jedenfalls das Gegenteil von Schönheit, mögen einzelne Fassaden auch ansprechend sein.

Durch das exakte Kopieren verliert die einzelne Fassade an Individualität und löst sich in der gleichförmigen Langeweile des gesamten Straßenzugs auf. Das ist Plattenbau 2.0. Es gibt Untersuchungen, die belegen, das Menschen an eintönigen Fassaden schneller vorbeilaufen. Lebensqualität außerhalb der Wohnung, also innerhalb des Kiezes, ist so jedenfalls nicht zu erreichen.

Ich rege mich jedes Mal darüber auf, wenn man den Verschluss einer Verpackung nicht aufbekommt. Dann wünsche ich mir, dass derjenige, der das konstruiert hat, 10.000 seiner Verpackung öffnen muss, bis er blutige Finger hat und endlich kapiert, dass es so nicht funktioniert.

Genauso wünsche ich mir, dass diejenigen, die solche lieblosen, eintönigen Stadtteile bauen, bis ans Ende ihrer Tage selber darin wohnen müssen, bis sie merken, dass in so einem Vierteil auf Dauer kein glückliches Wohnen möglich ist.

Aber meist leben diese Planer dann am Prenzlauer Berg, im Stuttgarter Westen oder in Sindelfinger Höhenlage.

Wer nicht so rät, wie er selbst sein Leben führt, sollte das Beraten daher besser lassen. Es ist unglaubwürdig.

Um nicht missverstanden zu werden: Dass Sindelfingen neue Gebiete erschließt und Wohnungen baut, ist notwendig und sehr lobenswert. Doch Wohnungen und Wohngebiete sind nicht anonyme Waben, in der baugleiche Bienen wohnen (die es im Übrigen gar nicht gibt, siehe oben). Dort leben Menschen, für die nichts anregender und gesünder ist als Abwechslung.

Was um Himmels willen spricht dagegen, die Straßen krummer, die Häuser individueller, die Plätze interessanter zu machen sowie  Läden und Gastronomie anzusiedeln? Ein richtig cooles Kiez zu bauen, wo man nicht bloß schläft, sondern sich gerne auch draußen aufhält und daher mit den Menschen seiner Umgebung auch wirklich in Kontakt kommt?

Wo so was wie Seele, Heimat, Identität entsteht?

Gestaltung von Wohnraum ist mehr als nur das Kopieren von Architekturplänen. Politik ist Gestalten – und dieser Wille zum Gestalten fehlt in Sindelfingen noch immer. Verwalten alleine reicht nicht. Politiker dieser Stadt: Gestaltet endlich!

Der Kommentar wurde durch die Kolumne „Anders wohnen“ von Sybille Berg auf Spiegel Online angeregt:

Anders wohnen von Sybille Berg

— Jimi Riegg —

Sindelfingen: Städtebau durch Copy und Paste

2 Kommentare zu „Sindelfingen: Städtebau durch Copy und Paste

  • 6. Oktober 2018 um 14:11
    Permalink

    Lieber Jimi Riegg!

    Wie recht Sie haben. Bis auf die gärtnerischen Bereiche und Spielplätze – die sind gelungen. Gibt es noch Einflussmöglichkeiten auf Allmendäcker 2 zum Beispiel bei der Vergabe an Bauträger? Dabei könnten ja Kriterien wie Variabilität, Vielfalt, Kreativität und Experimentelles einfließen. Die Erschließung, die Dichte und die bauliche Nutzung liegt ja durch B-Plan fest.

    Ihr Herbert Rödling

    • 8. Oktober 2018 um 9:26
      Permalink

      Lieber Herr Rödling,

      manche Dinge sind gelungen, da gebe ich Ihnen recht. Aber genau wie Sie es beschrieben haben, fehlt dem ganzen Gebiet so etwas wie Atmosphäre, um dieses Unwohlsein beim Durchschreiten dieses Wohngebiets mal versuchen auf einen Begriff zu bringen. Es wirkt doch alles irgendwie steril. Vielleicht kann man nachträglich durch einige kreative Maßnahmen dieses Manko beseitigen, und es bei Allmendäcker II gleich von vorneherein berücksichtigen. Ich wünsche den Bauherren jedenfalls ein gutes Händchen.

      Grüße Jimi Riegg

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