Ohne gestalteten Raum keine Kultur, keine Wirtschaft

Sindelfingen verschläft seine Zukunft. Es gestaltet den öffentlichen Raum nicht. Aber ohne gestalteten Raum keine Kultur und keine Wirtschaft. Wobei der gestaltete Raum nicht ohne Grund als erstes aufgeführt ist. Gestalteter Raum – im Speziellen Architektur – ist die Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Kultur und Wirtschaft. Wo kein gestalteter Raum ist, können auch keine Kultur und keine Wirtschaft entstehen.

Gestalteter Raum ist der Ort, wo Menschen sich treffen. Er ist die Grundbedingung, dass sie sich überhaupt treffen können. Zur Arbeit, zum kulturellen Austausch. Warum sollte der Raum gestaltet sein? Tut es an den Gebäuden nicht auch nur eine einfache Beton- oder Rauputzfassade? Wozu soviel Geld ausgeben?

Schönheit ist anziehend

Nein, tut es nicht, weil Menschen sich von Schönheit angezogen fühlen. Deshalb gehen sie dorthin, wo es schön ist. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Menschen an monotonen Fassaden schneller vorbeigehen als an spannend gestalteten Fassaden. Ein ästhetisch gestalteter öffentlicher Raum ist deshalb der beste Garant dafür, dass Menschen in annehmen, sich gerne dort aufhalten, Handel sich ansiedelt und kulturelle Aktivität sich entfaltet.

Nichts davon ist für Sindelfingen angedacht. Die Innenstadt droht in eine seelenlose Betonwüste verwandelt zu werden, aus der die Menschen fliehen. Als Konsequenz davon droht ein Niedergang des kulturellen Lebens und auch des Handels im Kernbereich von Sindelfingen. Vor allem durch die Erweiterung des Breuninger-Areals ist es geradezu von überlebenswichtiger Bedeutung für die Innenstadt, dass ein architektonischer, ästhetischer, kultureller Kontrapunkt zum entstehenden Konsumtempel am Rande Sindelfingens entworfen und gestaltet wird.

Hier geht es nicht um ein Gegeneinander von Breuninger-Erweiterung und Innenstadt, sondern um Ergänzung. Die Kernfrage muss lauten: Warum soll ein Besucher, der von weit aus dem Umland von Sindelfingen anreist, um im Breuninger-Areal einzukaufen, auch noch einen Abstecher in die Innenstadt machen?

Die Antwort kann nur lauten: Wenn die Innenstadt einen ästhetischen, kulturellen und gestalterischen Mehrwert bietet, der so in der modernen Konsum-City nicht zu haben ist. Einige Worte, die diesen Mehrwert beschreiben, könnten sein: Identität, Heimat, Kultur, Individualität, Emotion, Muse, Gestalt, Ästhetik. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen, aber im Grunde läuft es darauf hinaus, dass die Innenstadt zwingend so etwas bieten muss wie Seele und Persönlichkeit.

Kultur ist aktives Gestalten

Kultur: Das Wort bedeutet seinem Ursprung nach „das Feld bestellen“. Der ureigene Sinn ist also das aktive Gestalten der Umwelt, zuallererst natürlich einmal den örtlichen Raum, damit die oben erwähnten Tätigkeiten dort überhaupt stattfinden können. Ist der Raum gestaltet, „bestellt“, so können sich anschließend dort die eigentliche Kultur entfalten und auch das wirtschaftliche Leben.

Die Innenstadtpolitik, allen voran die Verantwortlichen Bürgermeister Dr. Vöhringer und Baubürgermeisterin Dr. Clemens, scheint – Stand heute – die Pflicht zur aktiven Gestaltung der Umwelt immer noch nicht wahrnehmen zu wollen und die grundlegende Problematik, wie sie hier beschrieben ist, nicht zu erkennen. Die Politik der Verantwortlichen kommen an dieser Stelle ihrem vom Wähler erteilten Gestaltungsauftrag nicht nach. Es wäre ein Leichtes, dies zu ändern.

Stattdessen schleppen sich seit Jahren die Planungen der Innenstadt dahin: hinter verschlossenen Türen, ohne nennenswerte Ergebnisse. Die Sanierung der Tiefgarage am Marktplatz wird nicht im Verbund gesehen mit der Neugestaltung der Innenstadt. Genauso wie die neue – mit einer „grau“enhaften Fassade versehenen – Volksbank, ein solitäres Einzelstück ohne Bezug zu irgendwas ist, ein Musterbeispiel seelenloser Investoren-“Architektur“, die das Bild der Innenstadt zerstört.

Neue Seele und Persönlichkeit für Sindelfingen

Das gleiche Flickwerk droht beim neuen Postareal, beim Wettbachplatz, in der Ziegelstraße, beim Domo, beim Markplatz.

Es ist Zeit, dieser qualvollen Plan- und Lustlosigkeit der Gemeindeverwaltung, allen voran den verantwortlichen politischen Entscheidungsträgern, das Konzept einer Neugestaltung entgegenzustellen mit dem Ziel, die Innenstadt für die Zukunft zu rüsten. Seele und Persönlichkeit zu entwickeln, damit Kultur und Wirtschaft sich entfalten können, die Menschen sich wohl fühlen und gerne in die Innenstadt kommen.

Ein erster gedanklicher Plan und Entwurf wurde von der Initiative entwickelt. Sie umfasst nicht nur die gestalterischen Elemente, sondern er schließt auch die enormen Umwälzungen im Bereich Digitales, Mobilität und Demographie mit ein.

Die Initiative heißt nicht umsonst „Wir Alle sind die Stadt“. Wir verstehen uns nicht als Gruppe, die einen fertigen, unumstößlichen Plan vorlegt, sondern wir liefern erste Konzepte und Ideen und wir sind der Überzeugung, dass die Gestaltung der Stadt alle Bürger angeht. Tua res agitur. Es geht um deine Sache, liebe Bürgerinnen und Bürger von Sindelfingen. Jeder Einzelne von uns ist dafür verantwortlich, was in Sindelfingen passiert und was nicht.

Deshalb melden und mitmachen und eigene Ideen einbringen.

 

— Jimi Riegg —

Ohne gestalteten Raum keine Kultur, keine Wirtschaft