Gesichtslose Seemühlestraße (Bild: Philippscheck)
Villa Lanz mit Pavillon (Bild: Philippscheck)
previous arrow
next arrow
 

 

Historie der Architektur in Sindelfingen

Nehmen wir einmal an, die Stadt Sindelfingen hätte in der Vergangenheit nicht nur die Altstadt, sondern auch einige andere Stadtquartiere bewusst geschützt. Und zwar zum Beispiel die, die für die Stadtentwicklung am Anfang des 20. Jahrhunderts stehen: eine „Reformarchitektur“ der sogenannten Stuttgarter Schule. Das heißt: Handwerkerhäuschen, Bürgerhäuser, Villen, Fabriken.

Dafür waren vor allem Sindelfinger Architekten wie Keller, vor allem Bürkle und einige andere gestanden. Ihre Gebäude hatten Sindelfingen, das bis dahin noch nicht allzu weit über die Altstadt mit ihren vielen zum Teil sehr unansehnlich gewordenen Häusern hinausgewachsen war, einen völlig neuen Charakter gegeben: ansehnliche, etwas verspielte Häuschen, selbstbewusste Bürgerhäuser, aber auch einige stilistisch aufwendige Villen – alle von mehr oder weniger großen, schön gestalteten Gärten umgeben.

Die Architekten Keller und Bürkle

Genau diese Architektur, zum Teil an den Gartenstadtsiedlungsbau erinnernd, war politisch gewollt. Bürgermeister Hörmann versuchte ja sogar, eine ganze, in sich geschlossene, reformorientierte Siedlung in den Wald beim Mönchsbrunnen zu stellen, leider erfolglos. Aber um das uralte Handwerker- und Bauernstädtchen herum entstand doch eine neue, bunte, für damalige Verhältnisse moderne Stadt, von neuartigen Wohnformen geprägt – ein neues Sindelfingen.

Nehmen wir also konkret an, der fast parkähnliche Wohnbereich um die Wolboldstraße, dabei auch die Villa Lanz am Klostersee, wäre erhalten geblieben, ja, wäre durch eine bewusst eindrucksvoll gestaltete Seemühlestraße ergänzt worden. Dann würde Sindelfingen jetzt einen attraktiven Stadtbereich besitzen, der sich vom Marktplatz zum Klostersee ziehen  und bis in die Ziegelstraße hinein wirken würde. Dortige Neubauten würden auch den Versuch zeigen, unter Nutzung historischer – zusammen mit eigenwilligen neuen – Formen, eine moderne, durchdachte Stadtentwicklung zu realisieren, die Besucher einlädt.

Selbstbewusster Dreiklang

Dann hätte Sindelfingen einen Dreiklang vorzuzeigen gehabt: neben der historischen Fachwerkstadt die grandiose, selbstbewusste „Reformarchitektur“ vom Beginn des 20. Jahrhunderts und schließlich eine genauso engagiert gestaltete moderne Architektur. Welch interessanter Spaziergang wäre dann möglich: Vom schönen Klostersee mit einem Besuch der außergewöhnlichen Villa Lanz (die, weil in städtischem Besitz, zu betreten wäre) mit ihrem fein erhaltenen Jugendstil-Elementen, den schönen Heimatstilhäusern in der Wolboldstraße hin zur modernen Architektur der Seemühle- und Ziegelstraße und schließlich auf den attraktiven Marktplatz. Und die untere Planiestraße würde mit einem künstlerisch gestalteten Tor in die Altstadt einladen.

Viele Sindelfinger und viele Gäste würden diesen Spaziergang machen, würden staunen, würden verweilen.

Aber so ist es nicht gekommen

Die Realität: Von der Reformarchitektur ist fast nichts mehr erhalten, Verwaltung und Gemeinderat haben sich nicht darum gekümmert. Die Seemühlestraße ist außergewöhnlich unansehnlich geworden, die Ziegelstraße fürchterlich uneinheitlich. Mit dem Marktplatz, der unteren Planie und dem ehemaligen Volksbankgelände scheint es nicht weiterzugehen, fehlt die Vision für eine „City 2030“; und der Eingang in die Altstadt ist kaum zu finden.

City 2030

Bleibt also die Frage: Was kann noch gerettet oder neu gestaltet werden, um sich auf den Weg zu einem selbstbewussten, stolzen Sindelfingen zu machen, das tatsächlich seinem selbstgesetzten Titel einer „traditionsreichen Stadt mit Zukunft“ zu ähneln beginnt?

 

– Klaus Philippscheck –