Illustration: Klaus Philippscheck

Die Entwicklung des Hot Spots Altstadt

Von Klaus Philippscheck

Zusammenfassung

Die Sindelfinger Initiative „Wir Alle sind die Stadt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, konstruktiv am Prozess der Stadtentwicklung mitzuwirken und hierzu eigene Konzept vorzulegen.

Um die umfangreiche Aufgabe zu bewältigen, hat sie die Stadt in sogenannte Hot Spots eingeteilt. Dies sind Ort und Gebiete, auf die bei der Planung der Stadt besonderes Augenmerk gerichtet werden soll. Den Hotspots werden dabei Themen zugeordnet, die für die Entwicklung dieses Gebiets ausschlaggebend sein sollten.

Es wird vorgeschlagen, sich der Stadtentwicklung der Hotspots in zwei Stufen zu nähern.

In der ersten wird eine umfangreiche historische und architektonische Analyse für den Hotspot angefertigt. Daraus entsteht ein vertieftes Verständnis für den jeweiligen Ort und seinen besonderen Kontext.

In der zweiten Stufe werden dann – unter Berücksichtigung des zugeordneten Themas – konkrete Entwicklungsmöglichkeiten für den Hotspot aufgezeigt.

Im Folgenden werden nach einer kurzen Einführung die beiden Prozessstufen für den Hotspot Altstadt aufgezeigt.

Aus der Analyse und der vorgeschlagenen Maßnahmen ergeben sich konkrete Entwicklungsmöglichkeiten für den Hot Spot Altstadt, die zum Schluss in einer kompakten Entwicklungsmatrix zusammengefasst werden.

Fragestellung

Gehen wir bei der Beschäftigung mit dem Thema „Altstadt“ und insbesondere natürlich der Sindelfinger Altstadt von folgender Frage aus: Hat die Sindelfinger Altstadt nach vielen realisierten Sanierungen und einigen wenigen noch ausstehenden Sanierungen mittlerweile eine Struktur, zu der man sagen könnte: „Die Sindelfinger Altstadt hat einen Zustand erreicht, den man als weitgehend endgültig bezeichnen könnte. So kann sie bleiben.“?

Wir glauben das nicht, und gehen zur Begründung dieser Einschätzung  zuerst etwas allgemeiner und grundsätzlicher an das Thema „Altstadt“ heran. Anschließend zeigen wir konkrete Entwicklungsmöglichkeiten auf.

Analyse des Hot Spots Altstadt

Der Begriff „Altstadt“ ist nicht sehr alt. Das ist nicht überraschend, denn er tauchte erst auf, als ab der Mitte des 19. Jahrhunderts um die Städte herum neue große Industrie- und Wohngebiete entstanden, die ein Stadtzentrum umgaben, das jetzt Schritt um Schritt abgedrängt und zum alten und veralteten Teil einer größeren Innenstadt abgewertet wurde.

Es  wurden neue, geometrisch klare Geschäftsstraßen angelegt – die meist zum Bahnhof führten – mit großen, steinernen, selbstbewusst wirkenden Geschäftshäusern. Und der verwinkelte, enge und „ungesunde“ historische Stadtbereich wurde jetzt „Altstadt“ genannt – und das war nicht positiv gemeint. „Erst aus ihrer Negation durch die Stadt der Moderne wurde die Altstadt (überhaupt) identifizierbar“ (Thomas Will). 

Die Fachwerkhäuser galten nun als Relikte überwundener Zeiten. „sie gehören zu keiner Ordnung der Baukunst“, hieß es z.B. in Frankfurt. Insbesondere die vom Klassizismus geprägte neue Welt mit ihren geradlinigen, klaren, rationalen Formen wandte sich kopfschüttelnd ab von diesen Altstädten, in die auch kaum noch investiert wurde.

So gab es beispielsweise auch in Sindelfingen 1834 den Vorschlag des Stadtschultheißen Conz, das historische, 360 Jahre alte, heruntergewirtschaftete Rathaus abzureißen. Das wurde zwar nicht umgesetzt, aber 1842 wurde ein neues Rathaus am heutigen Marktplatz gebaut – typischerweise im klassizistischen Stil. (Man muss in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass auch der objektiv größte Schatz der Sindelfinger, die romanische Martinskirche, um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum sich in einem schlimmen Zustand präsentierte.)

Was die Altstadt betrifft, waren es nicht nur strengere Brandschutzauflagen, die dazu führten, dass viele Fachwerkfassaden unter Putz verschwanden, sondern eben auch die Versuche der Eigentümer, sich der ringsherum entstehenden neuen Stadt gestalterisch anzupassen. Fachwerk war „out“. In Sindelfingen finden wir ein typisches Beispiel dafür in der Oberen Vorstadt, und zwar mit der ehemaligen geistlichen Verwaltung, die später dann zu einem Geschäftshaus, dem sogenannten „Leinenburger“, umgebaut wurde – heute der nördliche Teil des „Hauses der Familie“.

Das schöne Fachwerkhaus wurde verputzt und mit einer Malerei versehen, die ein großbürgerliches, steinernes Gebäude nachahmte und „Villa Burger“ genannt wurde. Solch eine Malerei ist in Sindelfingen allerdings einzigartig, weil es viele Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hier kaum Familien gegeben hat, die ihre gute finanzielle Lage und ihren Bildungsanspruch öffentlich durch Gestaltung ihres Hauses hätten präsentieren können – alle anderen waren mit der bloßen grauen Verputzung des Hauses zufrieden.

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wandelte sich die dargestellte gleichgültige bis ablehnende Haltung alten, historischen Strukturen gegenüber– zumindest in den großen und bedeutenden Städten. Das in den Napoleonischen Kriegen entstandene Nationalgefühl und eine zunehmende internationale ökonomische Konkurrenz der europäischen Staaten führten  dazu, dass Rückgriffe auf die Geschichte den Anspruch der eigenen Größe unterstützen sollten.

Einerseits wurden unvollendet liegen gebliebene gotische Kirchenbauten nun fertig gebaut (Köln, Ulm), andererseits sollten neue, wenn auch fast funktionslose Burgen an mittelalterliche Größe erinnern: beispielsweise auf dem Hohenzollern oder das bayrische Neuschwanstein. Geschichts- und „Verschönerungsvereine“ kämpften darum, Kirchen-, Kloster-, Stifts- und andere ehemalige städtische Funktionsgebäude zu retten, was nicht immer gelang. Die Altstadt selbst aber blieb nun als ein ganz allgemeines Sinnbild für die Vergangenheit stehen und wurde in ihrem „malerischen“ Anblick zum nostalgischen, sanft belächelten Sujet von Malern, wie zum Beispiel von Carl Spitzweg. In Sindelfingen wurde der Hexensprung in der Hinteren Gasse  zu einem solchen, oft aquarellierten Sinnbild.

Wohnen will die bürgerliche städtische Gesellschaft in dieser Altstadt allerdings nicht. Wer es sich leisten kann, zieht in die neuen Geschäftsviertel um, und die Altstadt mit ihrer miserablen Infrastruktur bleibt den Handwerkern, den Kleingewerbetreibenden, den Kolonialwarenladenbetreibern, den Hilfsarbeitern und -arbeiterinnen überlassen – also den sogenannten „kleinen Leuten“. Ein gutes Beispiel stellt da Stuttgart dar: Große Teile der Altstadt waren mittlerweile baulich und sozial derartig heruntergekommen, dass eine Sanierung nicht mehr vorstellbar war.

Der Bankier und Sozialreformer Eduard Pfeiffer entwickelte den Plan, eine ganz neue Altstadt zu errichten. Pfeiffer ließ Geiß-, Stein- und Eberhardstraße komplett umpflügen, riss unbeirrt die teils mittelalterlichen Gebäude ab und errichtete völlig neue für die ehemaligen Bewohner: in einer Art mittelalterlichem Stil. Im Mai 1909 wurde ein Quartier nach dreijähriger Sanierung eröffnet, das dann wie eine heile mittelalterliche Welt konzipiert war: mit Häusern wie aus einem Bilderbuch mit Arkaden, Erkern, Wandmalereien, Fassadenreliefs – und schließlich mit dem Hans-im-Glück-Brunnen im Zentrum. (In den letzten Jahren ist diese kleine, abwechslungsreiche Märchenaltstadt ein äußerst beliebtes Szeneviertel geworden, in dem unter Hänsel-und-Gretel-Figuren und dem Froschkönig und dem Till Eulenspiegel die Nächte durchgefeiert werden.)

So weit war man also am Anfang des 20. Jahrhunderts in Stuttgart gekommen: Eine verfallende Altstadt, die nicht mehr zu retten schien, wurde wenigstens zum Teil durch eine am Reißbrett konstruierte Altstadt ersetzt. Der übrige Teil der Altstadt – im Leonhardsviertel – vegetierte weiter vor sich hin. Eine außergewöhnliche Situation. Aber eines wurde deutlich: Das „neue Altstadtviertel“ um den Hans-im-Glück-Brunnen herum bot den Stuttgartern ab 1909 ein anschauliches Sinnbild einer auch sozial positiv besetzten Vergangenheit, gerade auch in Zeiten eines explosiven industriellen Wachstums; dass es ein künstliches Bild war, geschaffen durch den Architekten Karl Hengerer, hat kaum jemanden gestört und heute weiß das fast niemand mehr. Natürlich konnte diese Altstadt keine historisch bedeutsamen Gebäude anbieten, aber das war auch nicht die Aufgabe; diese standen woanders. (Allerdings stehen die Pfeifferschen Häuser selbst mittlerweile unter Denkmalschutz, sind also historisch bedeutsam geworden.)

Schauen wir auf ein strukturell ähnliches, aber modernes und aktuelles Beispiel: auf Frankfurt am Main. Hier ist im Jahr 2018 etwas der Öffentlichkeit vorgestellt worden, das Ähnlichkeiten mit dem erwähnten historischen Stuttgarter Projekt hat und das Ergebnis eines neuen Nachdenkens ist. Denn auch hier soll nun Sinn- und Identitätsstiftung durch eine „Neue Frankfurter Altstadt“ geschaffen werden, wenn auch mit den Ansprüchen einer reichen, geschichtsbewussten Handels- und Finanzmetropole. Die Analyse war klar: Das im Zentrum der Stadt liegende Technische Rathaus von 1974 im Stil des sogenannten Beton-„Brutalismus“ – wir denken in Sindelfingen an das Kaufhaus DOMO – hatte nie einen Zugang zu den Herzen der Frankfurter Bevölkerung gefunden und war auch äußerlich marode geworden.

So entwickelte sich eine Diskussion, an deren Ende die Entscheidung stand, das Technische Rathaus ganz abzureißen und stattdessen zwischen Römer und Dom wieder eine kleinteilige Bebauung zu realisieren, aber auf eine Frankfurter Art und Weise. So wurden nämlich 15 historische Gebäude (darunter historisch besonders bedeutsame wie z.B. die „Goldene Waage“ und der „Hof Rebstock“ und ein ganzer Platz, der „Hühnermarkt“) wieder bis in Einzelheiten rekonstruiert – und 20 andere Häuser modern, aber in vorgeschriebenen, kleinteiligen Formen neu gebaut. Eine ungeheure, heiß diskutierte Anstrengung, die der Stadt „wieder Herz und Seele“ zurückgeben soll, wie die Verantwortlichen sagen. (Man muss daran erinnern, dass die gesamte Frankfurter Altstadt im Krieg völlig zerstört worden war.)

Diese Art der Neubebauung soll dreierlei schaffen: Einerseits erzählen die rekonstruierten Häuser, von denen einige zu den aufwendigsten historischen Gebäuden des alten Frankfurt gehören, von der uralten Bedeutung dieses Handels- und Finanzplatzes am Main, sollen über die Erinnerung Stolz schaffen. Andererseits ergeben die vielen gestalterischen Details, die mühselig wieder hergestellt wurden, Bilder, an denen man sich kaum satt sehen kann; genau das also, was den Charme der alten Städte ausmacht, wenn man sie Schritt für Schritt erkundet. Und schließlich sind die modernen, in die Altstadtstruktur eingepassten Häuser ein Zeichen dafür, dass man die „Neue Altstadt“ nicht mit einem wirklich historischen Quartier verwechseln sollte.

Ein eindrucksvolles Experiment: Nicht nur, dass Frankfurts großartige Hochhaus-Skyline eine europäische Handels-, Finanz-, Verkehrs- und Kulturmetropole symbolisiert, sondern die Stadt weist durch ihre rekonstruierte Altstadt mit ihren prächtigen Bürgerhäusern und dem bewusst erhaltenen Krönungsweg der deutschen Kaiser auch darauf hin, dass diese heutige Bedeutung bis ins Mittelalter zurückreicht. Diese Erkenntnis sollen sowohl die Frankfurter selbst als auch die Besucher gewinnen – dieses Image ist der Stadt Frankfurt viel Energie und viel Geld wert.

Kommen wir zu Sindelfingen und seiner Altstadt zurück. Fragen wir uns, ob auch Sindelfingens Altstadt auf eine Bedeutung verweist, die die Stadt schon früher hatte, dann müssen wir das verneinen. Denn die restlichen Gebäude des ehemaligen, bedeutenden Chorherrenstifts um die Martinskirche herum liegen außerhalb der Altstadt – und das große Gebäude, das als Kellerei der Universität Tübingen an das Stift erinnern könnte, liegt zwar in der Altstadt, verweist aber durch keinerlei Gestaltungsmotive auf seine ehemalige Funktion. Solche Motive hat die wichtige Kellerei sicherlich gehabt, aber sie sind verloren gegangen: verwittert oder verblichen oder zerstört. Denn dieses Haus wurde, wie alle anderen Altstadthäuser, in seiner alten Schönheit und Bedeutung nicht gepflegt. Wahrscheinlich hat nicht nur die oben erwähnte fehlende Wertschätzung der alten Häuser ab dem Ende des 18. Jahrhunderts damit zu tun, sondern auch Sindelfingens Statusverlust einer Oberamtsstadt 1807 und der daraus resultierenden geringeren Reputation hat sicherlich dazu beigetragen.

Außerdem fehlten der Stadt eigenwillige, stolze Bürgerhäuser, weil der Handwerker- und Bauernstadt vor allem wegen ihrer schwierigen Verkehrslage die Kaufleute fehlten – und damit diejenigen, die das Geld gehabt hätten, kunstvolle, repräsentative Häuser zu bauen.

Wenn wir nun noch die spezifische Sindelfinger Stadtstruktur betrachten, die dadurch geprägt war, dass die Stadt in ihrem Zentrum, um das Rathaus herum, keinen repräsentativen Platz mit Brunnen, großen Wirtschaften und Kaufläden besaß – dann ist klar, dass Sindelfingen mit seiner Altstadt einen eher dörflichen Charakter hatte.

Als das neue Rathaus 1844 dann außerhalb der Altstadt gebaut wurde und das Alte Rathaus für eine Vielzahl wechselnder Funktionen genutzt wurde, musste sich ein geschichtliches Bewusstsein für diese Altstadt weiter verflüchtigen. Sie bot ein bescheidenes Gesamtbild mit sehr alten Häusern, die mittlerweile alle ohne jegliche außergewöhnliche Farbigkeit oder Verzierung meist von mehreren Familien bewohnt wurden, nur mit Mühe instandgehalten.

Die Überzeugung, sich um diesen historischen Teil Sindelfingens kümmern zu müssen, ein eindrucksvolles Bild seiner alten Stadt zu pflegen, war in der Bürgerschaft  nicht vorhanden. Schon gar nicht mehr, als zwar sehr spät, aber vehement um die 1883 entstandene Bahnhofstraße herum Häuser völlig anderer Qualität gebaut wurden; als hier sowohl Fabriken wie die Villen der Fabrikanten und Bürgerhäuser mit schönen Gärten eine neue Zeit einläuteten; eine neue Welt, die mit der knarrenden und knackenden, kräftig riechenden hinter den alten Stadtmauerresten nicht mehr viel zu tun hatte.

Und als sich um die Altstadt herum allmählich mehrere Gebiete mit properen Häusern im Heimatstil legten und dann gar eine ganze grüne Gartenstadtsiedlung entstand, da sank das alte Zentrum zu einem rückständigen Quartier herab, das nur noch an die armen, harten, ungesunden Zeiten erinnerte; eine „autarke“ Welt, die sich weitgehend selbst genügte.

Durchaus verständlich, dass sich nach dem Krieg, in Wirtschaftswunderzeiten, die alteingesessenen Sindelfinger vorstellen konnten, dass diese Welt aus der Sindelfinger Geschichte eigentlich gestrichen werden könnte. (Noch einmal muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass in dieser grauen Altstadt nichts zu finden war, dessen Anblick an eine erhaltenswerte  geschichtliche Bedeutung erinnern konnte.)

Die Großstädte hatten es sehr schnell nach dem Krieg vorgemacht: Die zerbombten Altstädte wurden nicht mehr aufgebaut, sondern mit neuer, moderner Architektur überbaut; durch große Straßenschneisen bereitete man sich auf einen wachsenden Verkehr vor; nur noch wenige, ganz besonders wichtige historische Gebäude wurden restauriert. Mit all dem wollte man Abschied nehmen von einer schrecklichen Vergangenheit, sich radikal von der Geschichte der europäischen Stadt trennen und sich in eine neue Nachkriegswelt einbringen: Hamburg, Kassel, Hannover, Köln, Frankfurt, Stuttgart sollen dazu als prominente Beispiele dienen.

Sindelfingen wollte diese Entwicklung in ihrer äußeren Form konsequent nachvollziehen: Die enorme wirtschaftliche und dadurch städtebauliche Entwicklung und die Modernisierung aller Lebensbereiche ließ die Altstadt dabei endgültig als ein veraltetes Relikt erscheinen, das in seiner aus der Zeit gefallenen, armselig erscheinenden Struktur als Teil der modernen Stadt nicht mehr akzeptiert werden konnte. Sie gehörte der Gegenwart nicht mehr an. Die Folge war der politische Beschluss Mitte der 60er Jahre,  der einen vollständigen oder etwas später einen teilweisen Abriss der Altstadt umfasste. Begonnen wurde dann tatsächlich mit dem Abriss des Wurmbergquartiers, einem uralten, besonders bescheidenen, nördlich vor der alten Stadt liegenden in sich geschlossenen Komplex.

Kopfschüttelnd stellt man heute fest, dass unter den Gebäuden, die darauf folgend abgerissen werden sollten, sich ausgerechnet auch die wenigen befanden, die eine gewisse historische Bedeutung der Stadt Sindelfingen dokumentieren konnten: der ehemalige Kaufladen Panagiot Wergo am Marktbrunnen, die Alte Realschule (am Ort der Klosterschule), die uralte Schildwirtschaft „Hirsch“, das Chorherrenhaus. So hätte man nach einem solchen Abriss nicht mehr zeigen können, dass Sindelfingen eine Stadt und kein Dorf gewesen ist – und hätte bewusst die Erkenntnis beiseitegeschoben, dass Heimatgefühl  und Identität unbedingt konkrete Bilder brauchen, um lebendig bleiben zu können.

Diese Abrissüberlegungen waren eine späte städtebauliche Entscheidung, bei der man dann aber schnell merkte, dass sie schon eine Zeit hineinragten, in der sich die öffentliche Debatte gewandelt hatte. „Die gemordete Stadt“ oder „Die Unwirtlichkeit der Städte“ hießen vielbeachtete Bücher der 60er Jahre, die Fehlentwicklungen im Städtebau analysierten und dadurch ein Umdenken anstießen; das Motto des Deutschen Städtetags Anfang der 1970er Jahre lautete dann „Rettet unsere Städte“.

Als eine mögliche Konsequenz wurde in einigen Städten eine vorsichtige Diskussion über eine Rekonstruktion historischer Gebäude begonnen, die in Frankfurt Anfang der 80er Jahre z.B. zur Rekonstruktion von sieben Fachwerkhäusern am Römerberg führte.  Und keine Stadt rückte damit so sehr ins Zentrum dieser Debatte um Wiedergewinnung der eigenen Geschichte wie Frankfurt am Main. Diese Entwicklung sehen wir heute bei der einzigartigen Entwicklung seiner Innenstadt zu einem atemberaubenden deutschen „Mainhattan“ als nicht überraschend an. 

Es ist bekannt, dass auch in Sindelfingen eine vor allem von dem Verein „Freunde der Altstadt“ initiierte heftige öffentliche Diskussion geführt wurde, die vehement das Argument ins Spiel brachte, dass ein Verlust der Altstadt einen völligen Verlust Sindelfinger Identität mit sich bringen würde. Der breite bürgerliche Konsens hinter dieser Argumentation führte dazu, dass der Gemeinderat sich umorientierte; eine sogar überraschend konsequente Umorientierung. Sie war in Sindelfingen deshalb etwas leichter zu führen, weil hier die Altstadt mit relativ geringen Blessuren den Krieg überstanden hatte, es also nicht um Rekonstruktionen ging, sondern um Sanierungen.

Trotzdem war die Begeisterung über die anlaufenden Sanierungsprojekte bei vielen „alteingesessenen“ Sindelfingern und einer großen Gruppe von Gemeinderäten noch immer nicht groß. Zu tief saß das Misstrauen gegenüber einer teuren Wiederherstellung der ungeliebten alten Häuser, weil es keine Einsicht in die Notwendigkeit einer Erinnerungskultur an alte Zeiten gab.

Denn deren historische Bedeutung schien sowieso gering zu sein und erschöpfte sich im Erinnern und im Sammeln alter, kurioser Anekdoten. Auf dieser qualitativen Ebene der Stadtgeschichte wurde das Festhalten an der äußeren Form der Altstadt nicht gebraucht; die ihr zugehörige Welt war ja in der unglaublich schnellen ökonomischen Entwicklung aller Lebensbereiche untergegangen – vor allem wegen ihrer offensichtlichen Bescheidenheit und dem dadurch fehlenden historischen Selbstbewusstsein..

Eher achselzuckend schaute man deshalb der schrittweisen Entwicklung des Wiedererstehens von gerade noch dem Abriss entkommenen Gebäuden zu;  der Druck der Abrissgegner war aber zu stark geworden und überhaupt hatte sich ja überall ein Trend zur Rettung historischer Bausubstanz durchgesetzt. Das hat man hingenommen; aber eine ernsthafte Analyse wurde z.B. nicht geleistet, warum es hauptsächlich die zugezogenen Neubürger waren, für die die Sanierung der Altstadt wichtig war und die sich dafür auch einsetzten – und dass dies für eine neuartige Identitätsstiftung der so schnell gewachsenen Stadt wichtig war. Denn die vielen neuen Bürgerinnen und Bürger Sindelfingens konnten nur zu einer neu sanierten, also neu in Wert gesetzten Altstadt sagen, dass es auch „ihre Altstadt“ sei, die sie mit positiven Werten besetzen wollten; mit der sie sich öffentlich identifizieren konnten. Diese Sicht war den Sanierungsskeptikern ganz offensichtlich versperrt.

Trotzdem entstand Schritt um Schritt eine engagiert und außergewöhnlich hochwertig sanierte kleine Altstadt, die eine große Zahl auch sehr alter Fachwerkhäuser umfasst und immer wieder Verblüffung bei Besuchern erzeugt. Denn bei dem Namen Sindelfingen stellt sich kaum jemand ein solches malerisches Bild vor, weil man sich diese Stadt nach flüchtigen Besuchen aus einer riesigen Fabrik, großen überregionalen Einkaufszentren, modernen Wohnquartieren und breiten Straßen zusammengesetzt vorstellt.

Die unerwartete Erfahrung des Eintritts in eine kleine Welt des späten Mittelalters zeigt den Besuchern ein anderes Bild von Sindelfingen – in der gleichzeitigen Anerkennung, dass in dieser so stark von der Industrie geprägten Stadt eine so große Anzahl von Fachwerkhäusern  gerettet worden ist; und dass Sindelfingen mittlerweile sogar zu den berühmten Städten an der „Deutschen Fachwerkstraße“ gehört.

Konkrete Maßnahmen für den Hot Spot Altstadt

Kommen wir an diesem Punkt jetzt aber zu unserer Anfangsfrage zurück: „Hat die Sindelfinger Altstadt also einen Zustand erreicht, den man als weitgehend endgültig bezeichnen könnte. Kann sie so bleiben?“.

Eine Antwort hängt mit der Frage zusammen, was denn die enormen Anstrengungen der vielfältigen Sanierungen erreichen sollen – über den berechtigten Stolz privater Sanierer hinaus, an der Rettung der Altstadt mitgeholfen zu haben. Soll es mehr sein als die Herstellung malerischer Szenerien, die einfach ästhetisch gefallen? Soll es mehr sein als ein bloßes Sinnbild, das uns erkennen lässt, dass Sindelfingen keine Stadt ist, die mit der Industrialisierung überhaupt erst entstanden ist, sondern sehr viel älter ist? Und etwas weitgehender: Sind bestimmte Gebäude oder Gebäudegruppen erkennbar als Symbole? Als Symbole einer interessanten städtischen Vergangenheit, die spezifische, für eine Stadt typische Strukturen aufweist? Also die ganz einfache Frage: Sindelfingen hat viele alte Häuser; hat es auch Geschichte?

Eine Antwort auf diese letzte Frage bekommt der unbefangene Besucher der Altstadt nicht. Denn zwar konnte das historische Häuserensemble großenteils gerettet werden, aber nirgendwo wird darauf hingewiesen, dass es auch noch einige wenige  Gebäudebeispiele gibt, die etwa auf wichtige Funktionen der historischen, mittelalterlichen Stadt hinweisen: Zwar sind z.B. die Kelter und das Waschhaus verschwunden, aber die einstige Stadtschreiberei, das Bürgermeister-Hagdorn-Haus, die Kellerei der Universität Tübingen, das herrschaftliche „Sondergebiet“ der „Burg“ – alle diese Häuser stehen noch, allerdings so unerkannt wie alle anderen sanierten oder nicht sanierten Häuser auch. Auch die Stadtmauer könnte auf das frühe Stadtrecht Sindelfingens hinweisen; aber sie ist zugewachsen und ausgerechnet die bedeutsamen und malerischen Wehrgänge sind nicht mehr zu erkennen, kaum noch zu retten – welch´ ein Umgang mit der eigenen Geschichte!

Allein in der Größe des Alten Rathauses kann der Betrachter einen städtischen bzw. kleinstädtischen Charakter ausmachen.

Als Konsequenz aus diesem Zustand stellen wir die Forderung: Die Stadtverwaltung hat in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung die Aufgabe anzupacken, interessante gestalterische oder informative Ergänzungen zu erarbeiten, die die Gebäude in ihren ehemaligen herausgehobenen Funktionen präsentieren. Sie würden dadurch zu  Symbolen der alten Stadt werden, ihre Namen würden sofort an Bilder gekoppelt und dadurch zu bewusst wahrgenommenen Anlaufstationen, die zurzeit nicht gefunden werden können. Es gibt, aus oben genannten Gründen, nicht viele solcher Stellen, die gerade daher aber besonders wichtig für ein verstärktes Bewusstsein für Sindelfinger Geschichte wären;  „Hagdorn-Haus“, „Storchenhaus“ oder „Burg“ z.B. müssen daher feste, bekannte Begriffe werden – insbesondere auch für zukünftige Generationen, die einen anderen, neuen Blick auf die Altstadt haben werden.

Auffällig, dass nicht einmal wegen der Gespräche um die Teilnahme an der „Deutschen Fachwerkstraße“ eine solche Diskussion stattgefunden hat. Diese muss aber geführt werden, wenn die Sindelfinger Altstadt besonders auch für die Sindelfinger selbst mehr als nur ein „malerisches Ensemble“ sein soll, durch das man in wenigen Minuten hindurchgelaufen ist.

Und ein zweites kommt hinzu. Vor allem durch eine lange Zeit der baulichen und ästhetischen Vernachlässigung der Altstadt – vor allem auch durch das Verputzen der meisten Fachwerkhäuser – sind eine Vielzahl von Zierformen, Sinnsprüchen, Verschönerungen an den Gebäuden verschwunden. (Das „Drei-Mohren-Haus“ kann nach seiner Sanierung eine Ahnung von solchen Verzierungen geben.) Der öffentliche Raum der Oberamtsstadt Sindelfingen wird auch gestaltet gewesen sein, z.B. auch durch einige der bis zu 20 Brunnen, die es gegeben hat.

Aber wir können dies nicht mehr erkennen, und so fehlt – bei aller Freude an den schönen Häusern – das, was alte Städte ausmachte: die Kleinteiligkeit, die Vielfältigkeit der Formen, die bunten Fenstergläser, die Durchblicke, Treppen, Durchgänge, Erinnerungstafeln, die kleinen Wasserläufe. All das, was die Blicke schweifen lässt, sich als Bild einprägt, Überraschungen bietet, so dass man gerne immer wieder aufs Neue durch diese Welt spaziert.

Deswegen haben die Frankfurter ihre zu rekonstruierenden Häuser bis in die kleinsten Einzelheiten der Schmuckformen untersucht und wieder durch Handwerker und Kunsthandwerker herstellen lassen. Das wäre aus den erwähnten Gründen bei den Sindelfinger Sanierungen kaum möglich. Aber neben dem Ausloten, was mit dem Denkmalschutz zusammen an kleinen Ergänzungen realisiert werden könnte, steht der Stadt der öffentliche Raum zur Verfügung; der kann kreativ vor allem durch Handwerk und Kunsthandwerk gestaltet werden, so dass beim Gang des fremden Besuchers durch die Sindelfinger Altstadt nicht die besonders repräsentativen Fachwerkhäuser erstaunen lassen (die es ja hier nicht gibt), sondern die Perspektiven schaffenden  neuen steinernen Werke, die kreativen Pflasterungen und Kunstschmiedegeländer, neu entstandene Tierfiguren und schwer zu deutenden Reliefs, die modernen Kunstwerke.

Dies alles könnte die Sinne und den Intellekt erfreuen. Das kann man auch deswegen so gestalten, weil die Altstadt so, wie sie sich heute präsentiert, sowieso nie ausgesehen hat – sie ist eben nur ein eindrucksvolles Bild. Leider aber hat es eine bewusste Gestaltung bis heute nicht gegeben, deshalb steht auch ein solch teuer saniertes Haus wie die Burggasse 5 in einer Umgebung, die die Schönheit des Hauses durch geflickten Asphalt, schmutzigen Beton und verrostetes Geländer völlig konterkariert.

Alle Gebiete der Altstadt müssten durchgeplant werden, damit der Weg der Besucher nicht nur durch die Kurze Gasse führt, sondern auch andere Bereiche sich zu erkunden lohnen. Hoffen wir also auf einen Prozess des Nachdenkes und den Willen zu einer Weiterentwicklung des historischen Zentrums, das sich in seiner Geschichte ja vielfach gewandelt hat, in die Zukunft hinein. Vielleicht steht dann nach einigen Jahren ein lebendiges kulturhistorisches Schmuckkästchen vor uns, mit Schmuckstücken, die Sindelfingens städtische Vergangenheit durch immer neue, klug und kreativ ergänzende Gestaltungen glitzern lassen und dadurch geöffnet ist für die Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur den Blick zurück umfasst, sondern auch den bewussten Umgang mit der Gegenwart. Denn Erinnerung ist ja die Gegenwart der Vergangenheit.

 

Entwicklungsmatrix für den Hotspot Altstadt Thema des Hotspots: Geschichte

Kurzfristige Maßnahmen

1.

2.

3.

 

Mittelfristige Maßnahmen

1.

2.

3.

Langfristige Maßnahmen

1.

2.

3.

 

Die Entwicklung des Hot Spots Altstadt