Unser Kleinod mit Ausstrahlung

Unsere Vorstellungen zur Einschätzung und Entwicklung der Sindelfinger Altstadt sehen folgendermaßen aus – in Kürze und an Beispielen formuliert:

Wenn gewollt ist, dass unsere Altstadt – über die im Augenblick erreichte Situation hinaus – Bedeutung erlangen soll und außerdem die sie umgebende Innenstadt weiter stärken kann, dann muss intensiv über die Funktionen diskutiert werden, die die Altstadt für die Gesamtstadt haben kann, um zu zielführenden Ergebnissen zu kommen.

Natürlich steht an der Spitze solcher Funktionen die Stärke der Altstadt, eine emotionale Beziehung zu schaffen, die die Sindelfinger mit ihrer Stadt verbindet. Natürlich ist die heutige Altstadt kein Abbild des ehemaligen bäuerlichen und handwerklichen Sindelfingens, sondern in ihrer aktuellen Form eine Art Sinnbild. Aber auch durch diese Form kann einiges sinnfällig über die 750 Jahre alte Sindelfinger Vergangenheit erfahren werden und durchaus zu Hochachtung und Stolz führen.

Als eine weitere Funktion der Altstadt kann die Anerkennung gesehen werden, die Besucher dem Engagement der Stadt Sindelfingen zur Rettung ihrer Altstadt zollen, weil ihr Bild von Sindelfingen eigentlich das einer modernen, sachlichen, traditionslosen Industrie- und Einkaufsstadt war. Eine Einschränkung erleidet diese positive Einschätzung allerdings oft dadurch, dass das Fehlen eines zentralen Orts als Anlaufstelle und die erwarteten, aber fehlenden Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten bedauernd zur Kenntnis genommen werden müssen.

Damit kommen wir zur Frage, ob wir über Funktionen nachdenken müssen, deren Umsetzung hinausgeht über die bloße Sanierung von Gebäuden, die dann ästhetisch gefallen. Dies wäre zum Beispiel die Sonderfunktion der Altstadt, ein sinnliches, gefühlsstarkes Stadterlebnis mit unvergesslicher Atmosphäre und unvergesslichen Bildern zu schaffen. Ein solches Erlebnis können in Sindelfingen weder die Innenstadt, die die Altstadt umgibt, noch ein „Einkaufsparadies“ wie das Breuningerland schaffen. Deshalb sollte die Altstadt gestalterisch weiter aufgewertet werden. Kleinteilige, kreative Objekte und Muster würden in die verspielte Oberfläche und den anregenden Raum der Altstadtgassen passen.

Die Kleinteiligkeit der Altstadt stellt ein adäquates Geschäftsumfeld für kleinere Gewerbetreibende, Kunsthandwerker und Künstler dar. Die Bilder, die dadurch positiv assoziiert werden können, sind stimmig nur in einem historischen Umfeld denkbar, das Sindelfingen zwar anbieten könnte, aber leider in den letzten Jahrzehnten nicht bewusst und aktiv angesteuert hat. Diese Diskrepanz ist Ursache dauernder Kritik, die darin eine Schwäche der Sindelfinger „Innenstadtpolitik“ symbolisiert sieht.

So schließen wir mit einigen aus diesen Überlegungen heraus entwickelten beispielhaften Vorschlägen, die hier nicht an die oben aufgezählten Funktionen gekoppelt sind. Sie könnten für die Altstadt eine Reihe spezifischer Qualitäten schaffen und sie dadurch in eine neue, substanzielle Entwicklung der Innenstadt einbinden. Die hier angedeutete Reihe ließe sich fortsetzen.

Der Handwerkermarkt in der Altstadt sollte unbedingt erhalten und eventuell ausgebaut werden. Einzelne, dauerhafte Gestaltungsideen der Teilnehmer könnten zur Gestaltung des Altstadtraums übernommen werden. Die Stadtverwaltung sollte Aufträge erteilen, um etwa den Schaffhauser Platz, das Alte Rathaus, den ehemaligen Ferkelmarkt und andere Orte formal und inhaltlich aufzuwerten. Kunsthistorische Highlights wie etwa den Gußmann-Salon, die Rennerschen Hauspfosten und die Kabinettscheiben aus dem Alten Rathaus könnten – öffentlich dargeboten – die Farbigkeit und Gestaltungskraft der Sindelfinger Vergangenheit eindrucksvoll dokumentieren.

Eine alte Forderung, die nie realisiert wurde, ist die Gestaltung der Altstadteingänge, um den dortigen, interessanten Zeitsprung bewusst zu machen und gleichzeitig den alten, aber vergangenen Stolz auf die Stadtgestalt wieder heraufzurufen. Durch eine Synthese von Alt und Neu im Bereich des ehemaligen „Burg“-Bezirks kann die moderne Stadtplanung den Versuch wagen, eine Architektur zu schaffen, die in der Zukunft als beispielhaft für unsere Zeit gesehen werden könnte.

Die städtischen Anstrengungen, eine solche Lebendigkeit in die momentan zwar schöne, aber relativ leblose Altstadt zu ergänzen, ist die Vorbedingung für das Großprojekt, in die Lange Straße wieder Geschäftstätigkeit zu holen. Hier muss eventuell mit der städtischen Anmietung von Ladenlokalen und unbedingt mit der Sperrung der Altstadt für jeden Durchgangsverkehr gearbeitet werden. Die Anstrengung der Stadt und ihrer Wirtschaftsförderung müsste so weit gehen, eine nennenswerte Zahl an neuen und alten Betrieben zu einem nahezu gleichzeitigen Neustart mit entsprechender Power und Wirkung am Markt zu gewinnen. Dies erscheint nur mit massiver Unterstützung – auch über Jahre hinweg – möglich.

Unser Ausblick

Vielleicht steht dann nach einigen Jahren ein lebendiges kulturhistorisches Schmuckkästchen vor uns, mit Schmuckstücken, die Sindelfingens städtische Vergangenheit durch immer neue, klug und kreativ ergänzende Gestaltungen glitzern lassen und dadurch geöffnet ist für die Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur den Blick zurück umfasst, sondern auch den bewussten Umgang mit der Gegenwart. Denn Erinnerung ist ja die Gegenwart der Vergangenheit.

Wir-alle-sind-die-Stadt – Stand 13. März 2021

Autoren: Klaus Philippscheck + Herbert Rödling

 

Die Altstadt