„Wo der Geist weht“

Unsere Vorstellungen zur Einschätzung und Entwicklung des Sindelfinger Stiftsbereichs sehen folgendermaßen aus – in Kürze und an Beispielen formuliert:

Wir setzen uns zuerst die Aufgabe, dass der ehemalige Stiftsbereich – das heißt, die Martinskirche und ihre direkte Umgebung – eine verstärkte kulturhistorische Bedeutung im Bewusstsein der Öffentlichkeit erlangen soll und verstärkt besucht wird. Aber wir wollen außerdem, dass diese Entwicklung auch positive Auswirkungen auf die Altstadt und die Innenstadt haben soll. Dazu müssen wir allerdings über die Funktionen diskutieren, die das Stiftsareal für die Gesamtstadt haben kann, um zu zusätzlichen wirksamen Ergebnissen zu kommen.

Dazu schlagen wir vor, die Funktion des Stiftsbereichs als einen bewussten Gegenpart zu den Bereichen am Südrand der Altstadt zu verstehen und ihn darin zu stärken. Während sich „im Süden“ zukünftig ein lebendiges Freizeit-, Unterhaltungs- und Einkaufsareal an die Altstadt angliedert, sollte der nördliche Bereich zu einem “meditativen Zentrum“ der Ruhe, der Entspannung, der Nachdenklichkeit entwickelt werden. In diesen Kontext passen die dort vorhandenen Bildungs- und Beratungseinrichtungen gut hinein.

Mit der Formulierung „1000 Jahre Kultur“ kann die Tatsache umschrieben werden, dass dieser Bereich um die Martinskirche herum der kulturhistorisch bedeutsamste Teil Sindelfingens ist und damit eine tiefe persönliche Berührung hervorrufen kann, die kein weiterer Sindelfinger Ort erzielen kann. Außerdem kann anhand einer weiteren Bedeutungsebene erkannt werden, dass sich Sindelfingen einst mit der geistlichen Einrichtung eines Stifts und seiner hochgelehrten Chorherren mitten in den politischen, kulturhistorischen und kirchlichen Entwicklungen und Auseinandersetzungen des Mittelalters befunden hat. Dazu passt, dass der ehemalige Stifts- und Klosterbereich Jahrhunderte lang einen Komplex bedeutsamer staatlicher Institutionen darstellte, der knapp außerhalb der Altstadt lag: Stiftsverwaltung, Unterkunft des Vogts, geistliche Verwaltung, Finanzamt, Forstamt, Schule, Webschule, Markt. Hierin manifestierte sich eindrucksvoll die besondere Bedeutung der Stadt Sindelfingen als eigenständige Oberamtsstadt. So können die einstigen Funktionen des Stiftsbereichs im Zusammenhang mit dem Bild der Altstadt eine Ahnung von Sindelfingens Vergangenheit aufscheinen lassen.

Dadurch, dass das Stift und sein Grundbesitz zum Großteil in den Besitz der Tübinger Universität übergegangen ist, bestand bis ins 19. Jahrhundert hinein ein enger ökonomischer, aber auch emotionaler Bezug zur Universität. Ab dem 19. Jahrhundert und noch bis in die letzte Vergangenheit manifestierte sich dieser Zusammenhang im Bestehen einer Sindelfinger Universitäts­gesellschaft und zum Beispiel in einer „Woche der Universität“ 1977 zum 500-jährigen Jubiläum der Universitätsgründung.

Beim Nachdenken über die Funktionen des Stiftsareals soll nicht vergessen werden, dass neben der Tatsache, dass wir hier den historisch bedeutsamsten Bereich der Stadt erleben, auch der ästhetische, bauliche Sindelfinger Höhepunkt vor uns liegt. In diesem Bewusstsein sollte hier ein besonderes Augenmerk auf eine kluge, ergänzende Gestaltung gelegt werden, um dieses Juwel feinfühlig zu pflegen und aufzuwerten.

Um dazu eine Diskussion zu initiieren, machen wir mit diesem Papier einen Versuch, einige Beispiele gestalterischer Art zu formulieren. Diese müssen das Umfeld der Martinskirche zum Ziel haben, denn die Kirche selbst ist natürlich unantastbar.

Der anspruchsvollste Bereich ist der ehemalige Kreuzgang auf der Nordseite der Martinskirche: eine architektonische Erinnerung an das fast ganz verschwundene Zentrum des Stifts, seinen geistigen Schwerpunkt. Schon die Andeutung einer kunsthandwerklich gestalteten Säulenreihe und der obligatorische Rosenbusch würden einen Platz als einen Raum schaffen, der mit Sitzgelegenheiten durchaus ein meditatives Zentrum der Ruhe und Nachdenklichkeit bilden könnte und auch als Aufführungsort verschiedener kleiner Kulturveranstaltungen – natürlich auch der Kirchengemeinde dienen könnte. Unser Vorschlag besteht auch aus einer Ergänzung dieses Bereichs durch eine „Unendlichkeitsmaschine“, die mit ihren Zahnrädern in verblüffendster Art und Weise das Thema Zeit symbolisieren kann.

Um den ehemaligen äußeren Klosterhof herum liegen mit dem Webereimuseum (der ehemaligen Webschule), und dem „Haus der Familie“ (der ehemaligen geistlichen Verwaltung und späteren Leinwandhandlung Burger) zwei Gebäude, die frühere und heutige öffentliche Funktionen repräsentieren. Einen starken Symbolcharakter könnte hier ein kunstvoll robotergewebtes Pavillondach haben (siehe die Projekte von Achim Menges), welches die Gebäude mit dem Platz zusammenfasst, indem es aus den Gebäuden geradezu „herauswächst“. Die Ergänzung zu anderen Gebäuden mit sozialen Funktionen kann diesen Bezug noch als symbolisches modernes Netzwerk verstärken.Das schönste historische Ensemble Sindelfingens ist sicherlich der Komplex um den südlichen Kirchenvorplatz herum: Die Front der Martinskirche, die Alte Realschule, das Traditionsgasthaus „Hirsch“ und das uralte Chorherrenhaus mit Bauerngarten bilden dieses Juwel, das von der Stadt in dieser Wertigkeit erkannt werden muss. Es gehört historisch noch in das Stiftsgebiet, wenn auch der kleine Marktplatz um den Marktbrunnen herum und der „Hirsch“ schon in die Stadt hineinverweisen.

 Auf dieser südlichen Seite der Kirche kann mit einer fröhlicheren Gestaltung seiner Kartuschen der sehr graue Marktbrunnen, der mit den Köpfen der „vier Temperamente“ einen sehr interessanten geistesgeschichtlichen Aspekt trägt, aufgewertet werden. Vor allem aber verweisen wir darauf, durch bauliche Veränderungen dem „Hirsch“ einen Biergarten zuzuordnen. Dies könnte als „Übergang“ aus der Altstadt heraus und in das Ruhezentrum auf der Nordseite der Kirche hinüber eine erhebliche Aufwertung des Stiftsgebiets erreichen. Nicht nur die staunenswerte Altstadt, sondern auch der monumentale Aspekt einer lombardisch geprägten Stiftskirche in einem gefühlvoll gestalteten Umfeld würden das Ansehen Sindelfingens prägen.

Als Denkanstöße sollen weitere, kleinere gestalterische Verweise gelten, die mit geringerem Aufwand an der Chorfront der Kirche, beim Klosterbrunnen, an der Sitzgruppe den stillen Charakter stärken können: eine Sitzbank, eine Spiegelinstallation, ein Labyrinth…

Wir-alle-sind-die-Stadt – Stand 13. März 2021

Autoren: Klaus Philippscheck + Jürgen Stauch

 

Der Stiftsbezirk