Quirlige Altstadt statt Gastro-Wüste

 

Aus der Sindelfinger Zeitung!


Neue Kneipen, Cafés und andere Gastro-Angebote sollen künftig in der ganzen Altstadt erlaubt werden. Dafür legt die Sindelfinger Stadtverwaltung einen neuen Bebauungsplan vor. Das bisher geltende Gastronomie-Verbot für die Kernbereiche der Altstadt soll aufgehoben werden.
Quirlig oder lebendig?


Wir, die Initiative „Wir-alle-sind-die-Stadt“,

haben die Diskussionen um die neue „quirlige Altstadt“ sehr aufmerksam verfolgt. Wir fürchten, dass durch die aktuellen Gastronomiepläne der Stadtverwaltung wichtige andere Funktionen unserer historischen Altstadt ausgeblendet werden, durch die sie erheblich sehens- und lebenswerter werden könnte.
Um welche Funktionen für die Sindelfinger Altstadt könnte es gehen?
Wir sehen sie zum Beispiel als buntes Abbild der gestalterischen, politischen und kulturellen Vergangenheit als Oberamtsstadt; auch als Beispiel für eine integrative, tolerante Weise des Zusammenlebens, das sich um seine Umgebung bewusst kümmert; oder als Refugium handwerklicher und kunsthandwerklicher Werkstätten, die woanders nicht mehr überleben können.
Und aus genau solchen Überlegungen heraus können dann konkrete Maßnahmen entwickelt werden: zum Beispiel klare verkehrsplanerische Entscheidungen; auch kurz-, mittel- und langfristige Aussagen zur baulichen Weiterentwicklung der Altstadt; dazu gehören deutlich formulierte Nutzungsmöglichkeiten (z.B. Handwerk, Läden, Cafés, Restaurants, Dienstleistungen, Informationen etc. betreffend). Und schließlich nennen wir die Gestaltung und Aufwertung kleinerer, fest umrissener Bereiche – wie es z. B. „die Burg“ oder der „Serenadenhof“ sind. Eine sanierende, ergänzende und auch neue Bebauung könnte etwa in der „Burg“ bewusst Strukturen schaffen – wie sie etwa „Wohnhof-Formen“ darstellen – die auch für Familien interessant wären.

Das alles würde durch die bloße Auffüllung der Altstadt mit Kneipen und Bars und Restaurants erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Die Stadt wischt mit ihrer Idee einer zusätzlichen „Altstadtgastronomie“ solche schwierigen, aber notwendigen Diskussionen beiseite. Wir fragen (uns) dagegen konkret:
– Soll die Altstadt zu einem kreativen historischen Zentrum der Stadt entwickelt werden, das den hohen Ansprüchen der „Deutschen Fachwerkstraße“ gerecht werden kann?
– Oder auch: Kann das Stadtmuseum in der Altstadt durch einen innovativen, technologisch aktuellen Ausbau ein Beispiel für die Verbindung von Geschichte und den Strukturen des 21. Jahrhunderts werden?


– Könnte dadurch die Altstadt auch eine „quirlige“ Anlaufstelle für ein junges Publikum werden, das auf technologisch kreative Art etwas über die Geschichte seiner Stadt erfährt. Und das sich in einem hochtechnisch ausgerüsteten historischen Ambiente mit Coworking-Spaces und Lounges ganz neu wahrgenommen fühlen könnte?


– Wie können Interessenten unterstützt werden, die es wagen wollen, mit Werkstätten und Läden die Altstadt zu einem Refugium kleiner, aber interessanter Läden zu machen, die nur im geschützten und gestützten Umfeld der Altstadt ihr buntes Leben entwickeln können?


– Und schließlich noch die Frage: Können die Gassen und Plätze der Altstadt zu einem Schaufenster vielfältiger kunsthandwerklicher oder künstlerischer Arbeiten werden, die sich ästhetisch interessant auf das historische Städtchen Sindelfingen beziehen – also als reizvolle Erinnerungen und Hinweise wirken?
All diese Beispiele zeigen natürlich, dass die Diskussion über solche Funktionen und vor allem deren mögliche konkrete Umsetzung ein großer Kraftakt sein würde. Einen solchen Kraftakt kann die Stadt nur mit einem mittel- und langfristigen „Projekt Altstadt“ schaffen, das mit entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen ausgestattet wird. Und solch ein Projekt wiederum setzt das permanente und konstruktive Zusammenwirken von Gemeinderat, Stadtverwaltung, Eigentümern, Investoren, Gewerbetreibenden und Anwohnern voraus.

Unsere Vermutung ist aber, dass die Stadtverwaltung dies nicht vorhat – auch weil dort kaum noch jemand einen tieferen, emotionalen Zusammenhang mit der Stadt besitzt. Typisch dafür ist, dass die vorläufigen „Visionen“, die zum Beispiel auf den Internetseiten der Stadt zu finden sind, alle miteinander keine konkreten Gestaltungsvorschläge machen, die nennenswert über die Nutzung von Blumenkübeln hinausgehen.

So entsteht unserer Meinung nach fast logisch als „revolutionäre“ Idee die Veränderung der Bebauungspläne und damit die öffentliche Aufforderung, die Altstadt gastronomisch aufzuwerten. Wenn dies nicht mehr gesteuert und im Einzelfall untersagt oder gefördert werden kann, dann ist dieser konfliktreiche Weg das Ende der Multifunktionalität, vor allem das Ende des Wohnens in der Altstadt. Man ignoriert dabei zudem, dass heute selbst eine gut geführte Mittelklassegastronomie keine sichere Existenz und kein stabiles Milieu mehr bieten kann. Es wäre also zuallererst angezeigt, die planerisch in der Langen Straße angelegte Gastronomie über die „Traube“, die „3 Mohren“ und den „Hirsch“ zu stabilisieren als jetzt weitere Areale für Gastronomie zu öffnen. Diese Stabilisierung wäre Aufgabe genug!
Deshalb wird der Gemeinderat eine Grundsatzentscheidung treffen müssen:
Was wird unter „quirlig“ verstanden? Ist es nicht eine trügerische Hoffnung, lediglich den Wettbachplatz in die gesamte Altstadt hinein erweitern zu müssen – und damit hat sich’s? Braucht es nicht vielmehr Verfahrensvorschläge, die die Altstadt zu einem interessanten und reizvollen „historischen Zentrum“ entwickeln können – auch wenn dieses nicht kostenlos zu haben ist? Wir glauben, dass nur dann, wenn solche klaren Zukunftsaussagen zum Planungsgebiet existieren, Eigentümer, Anwohner und potenzielle Investoren oder Interessenten und Nutzer bereit sein werden, bei weitergehenden Planungen tatkräftig und mit finanziellem Einsatz mitzuwirken.


Wir-alle-sind-die-Stadt, November 2022